Winter für einen Tag
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Der Winter hat sich bisher nur mit Sturm und Regen gezeigt. Kein Paddelwetter! Am Freitag soll es aber endlich mal schneien …. Und durch den Regen der letzten Zeit führt mein Hausbach – die Drawa in Polen – satt Wasser. Also müßte man ja endlich mal wieder …. Es ist Freitag Abend. Es sind noch etwa 10 km bis zu meinem Ziel. Es ist dunkel und dichtes Schneetreiben läßt mir kaum 10 m Sicht. Kein Auto, nicht mal eine Spur im Schnee, die mir die Orientierung auf dieser kleinen, einsamen Waldstraße erleichtern würde. Ich bin unterwegs zu einem Biwakplatz am Fluß, auf dem ich dann im Auto übernachten will. Mir kommen doch ein paar Zweifel. Komme ich morgen früh überhaupt weiter oder bin ich eingeschneit? Klappt morgen alles mit dem noch ungeklärten Rücktransport? Hat Orkan Kyrill vor einigen Tagen einen halben Wald in den Fluß geworfen oder komme ich durch? Endlich erreiche ich den Biwakplatz. Der Orkan hat auch hier seine Spuren hinterlassen. Einige Bäume sind umgestürzt, eine größere Überdachung hat es auch nicht überlebt. Überall liegen Äste. Ich suche mir einen Platz und zünde mir ein Feuer an. Der Wind treibt noch immer die Schneeflocken durch die Luft. Nach einem Happen Abendbrot hilft noch ein kleiner polnischer Wodka der Verdauung auf die Sprünge. Ehrlich, der Wodka war wirklich klein und dem miesen Wetter in keiner Weise angemessen. Als das Brennholz zur Neige geht, verkrieche ich mich dann im Auto in meinen Schlafsack. Der Morgen erwartet mich mit ruhigem Wetter und etwa 15 cm Schnee. Das Thermometer zeigt leichten Frost. Was kann jetzt wichtiger sein, als ein großer heißer Topf mit Kaffee? Kurz bevor ich zu meinem Startplatz nach Drawno aufbrechen will, kommt ein Ranger der Nationalparkverwaltung in seinem Lada Niva angedüst. Er guckt nur, ob alles okay ist und verabschiedet sich freundlich. In Drawno organisiert die Bürodame der Nationalparkverwaltung jemand, der mich mit meinem Boot nach der Tour wieder zurück fährt. Mein Auto lasse ich direkt vor dem Büro stehen und packe das Boot. Dann geht es los. Zuerst paddle ich etwa einen Kilometer über den Adamow-See bis ich mich links einordne und in die Drawa abbiege. Die Strömung wird nun spürbar, der Gegenwind, den ich noch auf dem See hatte, ist weg. Gespannt warte ich auf den ersten Brückenschwall, bin aber dann enttäuscht. Trotz des hohen Wasserstandes ist nicht mehr Welle, als sonst. Dafür gibt es aber kein Kehrwasser. Jetzt wird die Strömung insgesamt schneller, die Baumhindernisse werden mehr. Man muß oft sehr „paßgenau“ paddeln. Dann muß ich auch mal aussteigen und das Boot über ein paar verschneite Baumstämme wuchten. Hier jetzt bloß nicht abrutschen und baden gehen! An der Brücke bei dem Dorf Barnimie erwartet mich statt eines weiteren Schwalls nur ein glatter Stromzug mit ein paar kleinen, kabbeligen Wellen. Auf dem nächsten Flußabschnitt gibt es flotte Strömung und viel Holz im Wasser. Es macht Spaß hier exakt zu manövrieren. An einem toten Baumstamm hämmern zwei Schwarzspechte. Ein weiteres Baumhindernis gibt mir keine Chance. Ich muß raus aus dem Fluß und etwa 15 m umtragen. Am nächsten Biwakplatz parke ich dann an einem kleinen Steg ein und mache Mittagsrast. Für Drawa-Paddler: es ist der mit den 55 Stufen im Steilhang. Der Steg guckt gerade so noch aus dem Wasser. Der Fluß hat bestimmt einen guten halben Meter über dem normalen Wasserstand. Nach Kaffee aus der Thermoskanne, Brot und Käse geht es weiter. Die meisten Hindernisse müßte ich jetzt hinter mir haben – dachte ich. Der Fluß verändert sich immer wieder und dann war ja noch der Orkan vor einigen Tagen. Plötzlich sehe ich im Wald ein Tier. War das ein Hund? Oder etwa … nein, so richtig kann ich nicht dran glauben. Oder war es doch ein Wolf? In der Nähe eines Dorfes hätte ich an einen Hund geglaubt, doch einige Kilometer abseits, mitten in endlosen Wäldern … Ich werde es wohl nie erfahren. Jetzt kommen noch einige Hindernisse, die es in sich haben. Es wird eng, der Fluß ist flott. Einmal paßt nur das Boot unter einem Stamm durch, ich muß über den glatten vereisten und verschneiten Stamm klettern, lande aber wieder gut im Boot. Vor mir sehe ich jetzt die Straßenbrücke bei dem Biwakplatz Bogdanka, meinem Ziel. Normalerweise gibt es hier noch einen netten Schwall und gleich danach einen fetten Baumstamm im Stromzug, der bestimmt so manchen unerfahrenen Paddler zu einem Bad einlud. Man muß sonst gleich nach der Brücke scharf links in ein Kehrwasser, von da kann man sich hinter dem Wurzelballen an dem Baum vorbei mogeln. Heute paddle ich einfach darüber hinweg. Wenige Minuten später parke ich am Steg des Biwakplatzes ein. Ich habe ein breites Grinsen im Gesicht. Es war eine Klasse Tour! Ich klettere auf einen kleinen Hügel, der einzigen Stelle, an der ich mit dem Telefon ein Netz habe. Alles okay, mein Transporteur, will in 20 min bei mir sein. Der letzte Rest Kaffee aus der Thermoskanne muß jetzt noch dran glauben, dann rattert ein alter Kleinbus mit einem verwegenen Kanu-Anhänger auf den Platz. Eine gute halbe Stunde später parken wir neben meinem Auto vor dem Büro der Nationalparkverwaltung ein. Ich zahle einen schlanken Preis, lade um und verabschiede mich von meinen beiden Chauffeuren. Es war eine tolle Tour in einer tollen Winterlandschaft. Zufrieden und glücklich rolle ich über zum Teil spiegelglatte Straßen wieder nach Hause. Lange wird es wohl nicht dauern, bis ich wieder zum Paddeln hier bin …. Frank Moerke
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