Wir waren tauchen!

von Jan Dettmer



Als ich beim Packen die Tasche mit den Angelsachen von Heinz ins Boot stelle,
fällt mir eine kleine Schwimmbrille in die Hände. Ich nehme sie wieder mit zum
Haus, wo wir die Ausrüstung in die Packs stopfen und frage ihn, ob er die Brille
versehentlich eingepackt hat. "Nein, damit will ich mir Insekten unter Wasser
angucken!" Ich verdrehe die Augen und stecke die Brille wieder in seine Tasche,
wobei ich etwas von zusätzlichem Gewicht in mich hinein brummele.
Vier Tage später sind wir dann schon einige Tage einen kleinen Bach hoch gepaddelt
und haben die ersten Portagen hinter uns. Wir sind auf einem kleinen See, der zu
einem Hochmoor gehört und der voll mit Teichrosen ist auf dem Weg zum Ellice
River. Einige tote Birken ragen dazwischen im seichten Wasser in den Himmel.
Um einen schönen Kontrast im Foto zu bekommen schraube ich einen Pol-Filter an
die Kamera. Leider passt der Gewinde nicht richtig, so dass der Filter unter
leisem Platschen und lauten Schreien meinerseits, deren Wortlaut ich hier nicht
wiedergeben kann, ins Wasser. Nach einigem angestrengten gucken, glaube ich ihn
zu sehen. Heinz reicht mir die Schwimmbrille nach hinten, mit der ich dann
ins Wasser springe und den Filter auch wirklich im morastigen Grund finde.

Nach einem knappen Monat sind wir schon oberhalb der Baumgrenze an einem
atemberaubend klaren See. Es ist sehr heiss und wir trinken viel. Manchmal
läßt Heinz die Wasserflasche am Boot vorbei zu mir treiben. Leider hat er
diesmal vergessen, genügend Luft einzuplanen. Nun ja, da sehe ich also die
Flasche langsam auf mich zu treiben. Das Problem ist nur, dass sie dabei auch in
der Vertikalen erhebliche Strecke zurücklegt. Mit entsetzem Blick sehe ich zu,
wie die Flasche schliesslich auf einer kleinen Sandfläche zwischen zwei Felsen
zum stehen kommt. Während ich die Flasche mit den Augen fixiere, versuchen wir
das Boot auf der Stelle zu halten uns ich entkleide mich zeitgleich. Heinz
reicht mal wieder die Schwimmbrille nach hinten und grinst dabei. Ich steige ins
kalte Wasser und hole ein paar mal tief Luft. Dann geht es nach unten. Nach
einigen Schwimmzügen denke ich: "Verdammt, dass ist aber doch recht tief." Dann
merke ich den Schmerz in den Ohren und gleiche den Druck aus. Die beiden Steine,
zwischen denen die Flasch auf dem Grund steht, sehen auf einmal doch recht groß
aus. Deutlich merke ich, dass die Ohren weh tun und dann greife ich endlich die
Flasche! Die Felsen, zwischen denen sie steht sind fast so groß wie ich. Meine
Luft wird knapp. Auf dem Weg nach oben merke ich wieder die Ohren. Dann
durchbreche ich die Wasseroberfläche. Mir ist kalt und ich habe Probleme ins
Boot zu kommen. Wieder im Boot wärme ich mich in der Sonne auf: "Verdammt Heinz,
da habe ich mich aber ganz schön verschätzt mit der Tiefe." Aus Neugier messe
ich mit meiner Angel die Tiefe und stelle fest, dass ich vorher noch nie so
tief getaucht bin.

Jetzt sind wir schon wir schon wieder unterhalb der Baumgrenze. Den Ellice
River haben wir nicht erreicht, da die Wasserstaende in diesem Jahr viel zu
niedrig waren. Wir waren nach 35 Tagen bis zum Back River gekommen und haben
deprimiert festgestellt, dass wir umdrehen mussten. Das Motto hies nun "Rette
sich wer kann" und wir mussten Yellowknife mit den Lebensmitteln erreichen
die wir noch hatten. Es ist Herbst, saukalt, am Morgen hat es gehagelt.
Zum Frühstück backen wir Krapfen in Butterschmalz aus, genau das richtige
Essen an so einem Tag. In Trockenanzügen,
mit Handschuhen und Fleecemützen geht es dann auf den Fluß. Da wir noch Fisch
für den Abend brauchen, fahren mir zu einer Stelle, wo der Fluß durch eine Enge
zwei kleine Seen verbindet. Irgendwann paddle ich, damit Heinz gut werfen kann.
Dazu lege ich, wie gewöhnlich, die Angel hinter mir im Boot ab. Nur fahren wir
seit einigen Tagen Wildwasser und haben deswegen Auftriebskörper im Boot. So auch
hinter dem hinteren Sitz. Es dauert also nicht lange und die Angel fliegt ins Wasser.
Ich schreie mir mal wieder vor Wut den Hals aus (auch den Wortlaut will ich hier
nicht wiedergeben). Die Angel! Sie ist absolut wichtig, damit wir genügend Fisch
zum Essen fangen können! Wir hatten Essen fuer 65 Tage dabei, da wir auf
dieser Tour den Ellice River aber nicht erreichen wuerden und auf dem Weg
zurueck nach Yellowknife waren wuerden wir eher 75 Tage fuer die Tour
brauchen. Ohne Fisch wuerden die letzten Tage aetzend werden. Ich sehe nur die
helle Schnur auf der Rolle in der Tiefe schimmern. Hastig merke ich mir am
Ufer markannte Punkte um den Ort zu fixieren, dann kann ich das Boot
auch schon nicht mehr an einem Punkt halten,
weil Strömung und Wind das unmöglich machen. Diesmal reicht mir Heinz erst am
Ufer die Schwimmbrille. Denn wegen des leichten Regens kann ich mich nicht im
Boot ausziehen. Also raus aus Trockenanzug, Fleeceklamotten und
Funktionsunterwäsche und, nur mit Schwimmbrille bekleidet, wieder ins Boot. An
der Stelle wo die Angel ins Wasser gefallen ist, versucht Heinz den Kanadier zu
halten und ich suche nach dem hellen Punkt am Grund. "Ich sehe sie!" war das
letzte Wort, dann springe ich und tauche. Es ist zum Glück nur etwa 4 Meter
tief. Wieder am Ufer trockne ich mich ab und steige zitternd in die Klamotten.
Mein ganzer Koerper zittert noch fuer mehrere Stunden und meine Haende sind
den ganzen Tag eiskalt, was das halten des Paddelschafts im frostigen Wildwasser
schwer macht.

Noch oft saßen wir lachend am Feuer, wenn wir an unseren Tauchurlaub dachten.
Also, vergeßt eure Tauchausrüstung auf der naechsten Kanutour nicht!

Happy Trails! Jan Dettmer