Die Auswahl des richtigen Canadiers

Hier eine kleine Entscheidungshilfe, um die Auswahl eines Canadiers beim Kauf etwas zu erleichtern, um Formen, Material und Größe besser bestimmen zu können.

 

Den idealen Canadier für jeden Fall und Zweck gibt es nicht, höchstens in billigen Prospekten. Manche Eigenschaften eines Bootes schließen sich im Prinzip gegenseitig aus. So ist ein Canadier bzw. seine Eigenschaften immer eine Summe von Kompromissen. Super schnell und gleichzeitig super wendig geht eben aus physikalischen Gründen nicht. Daher wird man für unterschiedliche Einsatzzwecke und Anforderungen auch unterschiedliche Boote nutzen. Es gilt also, die gewünschten Anforderungen vor dem Kauf zu ermitteln.

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Folgende Fragen sollte man sich vor einem Kauf stellen, bzw. solche Fragen sollte auch ein guter Verkäufer stellen. Wer Ihnen gleich den "idealen Canadier" verkaufen will, ohne ausführlich mit Ihnen gesprochen zu haben - lieber die Finger davon lassen.

Welche Gewässer will ich überwiegend mit dem Canadier befahren ?
>>> Seen, Kleinflüße, Kanäle, Fließwasser, Wildwasser, ...
Wer paddelt überwiegend ?
>>> solo, Paar, Familie mit Kindern, ...
Welchen Charakter haben meine Touren hauptsächlich ?
>>> Tagestouren, Gepäcktouren über mehrere Tage o. Wochen, Wildnistouren, ...
Wieviel Zuladung wird in der Regel benötigt ?
>>> mitfahrende Kinder, Hunde, Ausrüstung, ...
Gibt es besondere Umstände, die besondere Eigenschaften bedingen ?
>>> erhöhte Sicherheit mit Kleinkindern, bestimmte spezielle Interessen, besonderes Gepäck,
Gibt es eine finanzielle Obergrenze bzw. wie groß darf der Kaufpreis maximal sein ?
>>> leidiges Thema, in der Regel : je leichter und besser ein Canadier ... desto ...

 

Jetzt lassen sich die Anforderungen an den Canadier eingrenzen.
Stark vereinfacht kann man folgende Faustregeln aufstellen:
ruhige Gewässer (Seen, größere Flüße) : so lang wie möglich - so breit wie nötig
Fließgewässer, Wildwasser : so wendig wie möglich - so lang wie nötig
Dazu kommen noch Faktoren: wieviel Volumen (Zuladung), wieviel Anfangsstabilität,
wieviel Wellentauglichkeit (Bordwandhöhe und -form).
Aus den oben genannten Faktoren werden sich die wesentlichen Eigenschaften
des Canadiers zusammensetzen.

Hier folgen einige vereinfachte Beispiele, wie unterschiedliche Anforderungen aussehen können:
sportlich orientierter Einsatzzweck auf ruhigen Gewässern :
hohe Geschwindigkeit - geringe Wendigkeit - geringes Volumen - geringe Anfangsstabilität


Familie mit Kind + Hund, Gepäcktouren auf Seen bis leicht fließenden Flüssen :
mittlere Geschwindigkeit - mittlere Wendigkeit - hohes Volumen - ausreichende Anfangsstabilität


Paar, Tages- u. Wochenendtouren auf Fließgewässern und leichtem Wildwasser :
geringere Geschwindigkeit - hohe Wendigkeit - mittleres Volumen - gute Wellentauglichkeit

Hauptsächlich wird die Rumpfform also vom Einsatzzweck bestimmt. Daher ist es wichtig, zu wissen, wie man den Canadier künftig überwiegend nutzen wird. Man kann einen Tandemcanadier auch mal allein paddeln und man kann einen schnellen geradeauslaufenden Canadier mit guter Technik auf einem Kleinfluß auch mal um enge Kurven drücken, der Paddelspaß wird dann allerdings nicht immer maximal sein.

 

Materialien

Canadier können aus unterschiedlichen Materialien gefertigt sein. Diese haben natürlich großen Einfluß auf die Stabilität, das Gewicht und den Preis des Canadiers. Hier finden Sie einen Überblick über die gängigsten Materialien.
GFK

Das Standardmaterial im Canadierbau. Es gibt sehr unterschiedliche Qualitäten von schrecklich bis sehr gut. Glasfasern werden mit PU-Harz getränkt, die äußere Schicht besteht in der Regel aus einer farbigen PU-Deckharzschicht (Gelcoat). In schlechtester Qualität werden Fasern zusammen mit dem Harz in Formen gespritzt. bei der Verwendung von Fasermatten wird eine bessere Stabilität erreicht, durch einen verhältnismäßig hohen Anteil an Harz werden solche Boote aber recht schwer. Bei hochwertigen GFK-Konstruktionen werden Gewebematten verwendet, die weniger Harz aufnehmen. Mit Vakuumtechnik wird überschüssiges Harz abgesaugt, bis ein optimales Gewebe-Harz-Verhältnis entsteht. So wird ein geringes Gewicht bei optimaler Stabilität erreicht. Bei gleichen Bootsgrößen können hier Gewichtsunterschiede von 20 kg auftreten, wobei das leichtere Boot auch das stabilere sein wird.Boote aus GFK lassen sich meist recht gut reparieren.

Empfehlung: mit einem guten GFK-Laminat liegt man fast immer richtig

   
Royalex

Oft als das Wundermaterial gepriesen, hat es aber nicht nur Vorteile. Royalex ist extrem stoßfest und somit für derbe Beanspruchungen im Wildwasser ideal geeignet. Auch heftige Verformungen übersteht dieses Material ohne dauerhafte Schäden. Royalexboote sind ungefähr gleich schwer, wie gute GFK-Canadier. Nachteilig ist, daß dieses Material nur bedingt formbar ist und sich daher schnelle, scharf geschnittene Rümpfe nicht bauen lassen. Durch die geringere Steifigkeit gegenüber einem Laminat neigen breite Canadier mit flachem Boden auch zum Oilcanning-Effekt, d.h. der Boden des Rumpfes "schwabbelt". Dadurch wird ein Boot auch ausgebremst. Ein Royalexboot wird gegenüber einem gleichen Laminatboot immer schwerer laufen. Reparaturen sind nur bedingt oder schlecht möglich.

Empfehlung: für den Einsatz in steinigen Fließ- und Wildwasser

  
Kevlar

Ähnlich wie GFK, nur wird hier eine Aramidfaser benutz, die extrem reißfest ist. Damit lassen sich bei gleicher Stabilität leichtere Rümpfe bauen. Kevlar wird oft bei sehr schnellen Canadiern eingesetzt, bei denen es auf sehr guten Leichtlauf ankommt. Ein Canadier aus Kevlar kann 5 bis 12 kg leichter als ein vergleichbarer GFK-Canadier sein, 18-Fuß-Boote mit einem Gewicht von weniger als 20 kg sind realistisch. Kevlarboote werden oft ohne äußere Gelcoatschicht verkauft und sind dann an der honigähnlichen Farbe und erkennbaren Gewebestruktur zu erkennen. Leider haben Kevlarboote auch einen deutlich höheren Preis, als GFK-Boote.

Empfehlung: tolles Material für superleichte Canadier, leider auch sehr teuer

  
Mischlaminate

Wie der Name verrät, eine Laminatmischung aus verschiedenen Geweben. Es können z.B. an einem Canadier eine äußere Glasfaserschicht und Innen Kevlar- und / oder Carbongewebe eingebaut werden oder aber auch reine Kevlar-Carbongewebe. Es werden hierbei die unterschiedlichen Eigenschften der verschiedenen Gewebe möglichst optimal kombiniert. Preislich werden diese Materialien in abhängigkeit der benutzten Fasern über GFK aber oft unter reinem Kevlar liegen. Auch das Gewicht wird geringer, als bei reinen GFK-Booten ausfallen.

Empfehlung: hochwertiger, leichter aber auch teurer als GFK

   
PE

Extrem stabiles und sehr preiswertes Material. Leider auch sehr schwer. Daher kommt PE sinnvoll nur im harten Wildwasser oder auch bei Booten für die Vermietung zum Einsatz. Tourencanadier aus PE überschreiten oft die 40 kg - Marke und bieten nur träge, mäßige Fahreigenschaften.

Empfehlung: außer für Wildwasser eher nicht empfehlenswert

   
Holz

Ein edles Material, ein gut gebauter Holzcanadier ist eine Augenweide. Es gibt verschiedene Bauweisen. Als sogenannte "Stripper" gebaut, werden Holzleisten von einem Mantel aus Epoxidharz mit Glasfasergewebe umschlossen. Mit dieser bauweise lassen sich sehr steife Rümpfe bauen, Einzelanfertigungen sind gut machbar. Viele Selberbauer fertigen so ihre Canadier, ebenso die Herstellerfirmen ihre Prototypen. Wood-Canvas-Canadier bestehen aus einem Holzgerüst, das außen mit speziell getränktem Canvas umschlossen und somit wasserdicht gemacht wird. Solche Boote werden auf aufwendigen Formen gebaut. Diese traditionelle Bauweise reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück. Holzboote sind meißt etwas schwerer als vergleichbare GFK-Boote und oft wesentlich robuster,als man es ihnen zutraut.

Empfehlung: Liebhaberstücke - trotzdem alltagstaugleich, zum Teil recht teuer

   
Aluminium

Stabiles, rostfreies Material. Gut wärme- und kälteleitend. Bei Bewegungen im Boot werden die blechern klingenden Geräusche sehr gut übertragen. Im Sommer heiß, im Winter kalt und immer laut. Auch wenn in Schweden fast alle Mietcanadier aus Aluminium bestehen, hat dieses material fast nur Nachteile.

Empfehlung: eher nicht empfehlenswert

   
 

 

Rumpf - Formen

 

Einschalig oder zweischalig gebaute Boote?

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Die zweischalige Bauweise ist eine einfache und preiswerte Variante, dem Rumpf des Canadiers genügend Steifigkeit zu geben. Es können einfache Materialien verarbeitet werden.
Diese Bauweise findet man überwiegend bei Billigbooten simpler Konstruktion.
Für den Paddler haben solche Boote allerdings gravierende Nachteile:
> Wasser, das einmal im Boot ist, läßt sich nur sehr schlecht entfernen
> Selbstrettung mit Capistranoflip oder Boot-über-Boot-Bergung nicht bzw. kaum möglich !!!
> schlechteres Verladen des Gepäcks durch eingeschränkte Breite auf Süllrandhöhe
> durch verwendetes Billigmaterial haben diese Boote oft ein sehr hohes Gewicht
> bei einer Billigbauweise wird das gesamte Bootsdesign auch recht bescheiden ausfallen



Wie lang soll der Canadier sein ?

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Auf ruhigem Wasser gilt: Länge läuft! Entscheidend ist das Verhältnis von Länge der Wasserlinie zur Breite der Wasserline. Je mehr Länge im Verhältnis zur Breite, desto leicher und schneller wird das Boot gleiten. Natürlich spielt auch der Eintrittswinkel des Wassers am Bootsrumpf eine wichtige Rolle. Je spitzer der Winkel, desto schneller das Boot. Aus diesem Grund haben gute und schnelle Tourencanadier oft einen asymetrischen Rumpf, um den Winkel zu verkleinern. Es gibt dabei allerdings Grenzen, weil Volumen bzw. Zuladung verkleinert werden.

Die Länge eines Tourencanadiers in diesem Bereich kann 17 - 19 Fuß betragen. Sollen häufiger enge Kleinflüsse befahren werden sind 16 - 17 Fuß die richtige Länge. Ein geringer Kielsprung erhöht dabei die Wendigkeit ohne die Gleiteigenschaften zu stark zu beeinträchtigen.
Im Fließ- und Wildwasser ist Wendigkeit gefragt. Hier wird ein Tourencanadier nur so lang sein, daß ein ausreichendes Volumen für die erforderliche Zuladung vorhanden ist.
Längen von 15 - 16 Fuß sind hier realistisch. Will man einen Allround-Canadier, mit dem
man nahezu alles Paddeln kann, wird man in jedem Teilbereich deutliche Abstriche
machen müssen. Unsere Empfehlung liegt hier bei einem 17-Fuß-Canadier mit leichtem
bis mäßigen Kielsprung, je nach Häufigkeit von Fließ- u. Wildwasser.
Solocanadier für ruhiges Wasser werden etwa 15 - 17 Fuß Länge haben, während im
Fließ- u. Wildwasser 12 - 15 Fuß das richtige Maß sind.



Wie ist das mit der Form des Rumpfes ?

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Ein relativ flacher Boden gewährleistet eine hohe Anfangsstabilität. Anfänger fühlen sich sicher.
Solche Boote lassen sich aber schlecht kanten und besitzen eine geringe Endstabilität.
Die mit Wasser benetzte Fläche ist größer, dadurch erhöht sich der Reibungswiderstand.

Ein relativ runder Boden wirkt sich vorteilhaft auf die Endstabilität (gekantet) aus und
verringert auch die mit Wasser benetzte Fläche, was wiederum den Reibungswiederstand im Wasser verringert und einen besseren Leichtlauf ergibt. Das Boot kann so auch sicher gekantet werden.
Auf jeden Fall sollte der Boden nur so rund sein, daß man sich in dem Canadier noch sicher
und wohl fühlt. Mit Kindern oder auch einem größeren Hund ist es ratsam, die
Anfangssatbilität höher zu wählen (also Boden etwas flacher bzw. Rumpf breiter), um hier unkontrollierten Bewegungen und Gewichtsverlagerungen entgegenzuwirken.



Die Stevenform am Canadier ?

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Auch hier gibt es Unterschiede. Runde Steven sind eher an Fließ- u. Wildwasserbooten nützlich
Um eine möglichst lange Wasserlinie am Canadier zu erreichen, ist eher ein steiler Steven von
Vorteil. So ergibt sich eine optimale Länge der Wasserlinie im Verhältnis zur Gesamtlänge des Bootes.



Was ist Kielsprung und wozu braucht man den ?

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Kielsprung bedeutet das aufbiegen der Kiellinie nach oben. Faustformel: Je mehr Kielsprung
das Boot hat, desto wendiger ist es. Geradeauslauf und Geschwindigkeit werden allerdings
durch den Kielsprung negativ geeinflußt.


Wie ist das mit dem Trockenlauf bzw. Empfindlichkeit bei Wellen ?

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Für den Trockenlauf (in Wellen) eines Bootes ist die Bordwandhöhe und deren Form verantwortlich.
Leider gibt es auch hier wieder nur Kompromisslösungen. Eine nach oben breiter werdende
Bordwand nennt man Flare, eine nach innen gezogene Bordwand Tumblehome.
Flare Vorteil: mehr Trockenlauf da die Wellen besser ablaufen, das Boot läßt sich besser kanten
Nachteil: Rumpf verbreitert sich, Paddel muß weiter von der Kiellinie entfernt geführt werden,
Tumblehome Vorteil: Paddel kann dichter an der Kiellinie geführt werden, angenehmeres Paddeln,  Nachteil: schlechterer Trockenlauf, Boot läßt sich schlechter kanten,

Es zeigt sich also, daß es simple Lösungen für jede Eigenschaft am Canadier nicht gibt. Alle Dinge stehen im Zusammenhang, jedes hat Vorteile und Nachteile. Ein wirklich gutes Canadier - Design zeichnet sich eben durch eine möglichst optimale Verbindung der verschiedenen Elemente aus. Wie ausgewogen diese Elemente untereinander sind, hängt davon ab, welche Hauptmerkmale für den Canadier gewünscht werden.

 

Preis & Leistung

Ein Canadier ist ein langlebiges Produkt, das man sicher über viele Jahre nutzen wird. Beim Kauf eines solchen Bootes sollte man daher nicht an der falschen Stelle sparen, auch wenn das Geld nicht ganz so locker sitzt. Eine Investition in gute Laufeigenschaften gemäß den gewünschten Anforderungen ist auf jeden Fall lohnenswert. Da tut der Preis vielleicht einmal weh, nicht zufriedenstellende Eigenschaften des Bootes spürt man bei jedem Paddelschlag. Eine gute Verarbeitung des Bootes sollte selbstverständlich sein.